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Heilige Messe am Klavier Tasten-Dino Grigory SokolovDen Russen Grigory Sokolov umgibt die Aura des Anti-Stars. Seine Konzerte - wie jetzt in Colmar - sind eine hohe Messe des Klavierspiels. |
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| Colmar Fünf Minuten nach Mitternacht spielt er die letzte, die sechste (!) Zugabe. Danach kommt Grigory Sokolov noch einmal auf die Bühne - und lächelt auch diesmal nicht. Der Russe hat gerade Beethovens "Hammerklavier"-Sonate famos bezwungen, einen Achttausender der Klavierliteratur, das Publikum tobt, und stoisch liefert er eine fein getrillerte Barock-Zugabe nach der anderen ab - aber eine sichtbare Gefühlsregung? Nein, die schenkt er den Zuhörern nicht. Was er fühlt, das ist zu hören. Nur zu hören. Und Sokolov fühlt vulkanisch. | |
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Mit 16 Jahren schon hat der 1950 geborene Leningrader den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen. Leningrad darf man durchaus sagen: Grigory Sokolovs stoisches, in sich gekehrtes Auftreten erinnert an die alte Sowjet-Schule, der neureiche St. Petersburg-Glamour der Gergievs oder Netrebkos ist ihm völlig fremd. Er trägt einen Frack mit langem Schwalbenschwanz aus dem letzten Jahrhundert und sitzt bullig, versunken über den Tasten. Dinosaurierhaft, möchte man sagen, aber dieser Virtuose ist erst 63. Sokolov ist der Anti-Star der Pianistenszene, seine Fans verehren ihn gleichwohl wie einen Heiligen. Diese Verabredung also funktioniert perfekt. Er hat sich seit Jahren aus dem CD-Geschäft zurückgezogen, ist nur live erlebbar, seine Konzerte ähneln einer spirituellen Sitzung - und dauern gut drei Stunden. Wobei, man weiß ja nie vorher, wie viele Zugaben er gibt. Klaviermusikliebhaber reisen ihm auch deshalb nach. An den Top-Schauplätzen der Klassik tritt er auf: im August zum Beispiel bei den Salzburger Festspielen oder im November im Festspielhaus Baden-Baden. Eine ideale Bühne für Sokolov aber war jetzt einmal mehr die Kirche Saint-Matthieu im Elsass, beim Festival International de Colmar, das sein russischer Landsmann Vladimir Spivakov leitet. |
Eine gotische Kirche als Konzertsaal: Hier tönen mit auratisch nachklingendem Hall die Werke Franz Schuberts, die Sokolov sowieso in aller Seelentiefe, geheimnisvoll ausbreitet, noch heiliger. Die vier "Impromptus" (D 899) und sofort anschließend, ohne Verbeugungszirkus, die "Drei Klavierstücke" (D 946): Das vermeintlich Kleine erscheint groß und weit, als siebenteilige Folge einer wunderbaren Schubert-Fantasie. Sokolov verfügt über stupende Technik, die Läufe des As-Dur-Impromptus etwa erklingen ansatzlos verzaubernd. Zu sagen, Sokolov spiele exzentrisch, ist eine üble Untertreibung. Aber es entsteht keine Show, sondern Musik. Er kennt hundert Abstufungen zwischen äußerst zart und brutal zupackend, und manchmal meint man, Salonlöwe Franz Liszt hätte den Schubert okkupiert. Beethovens gut 40-minütige "Hammerklavier"-Sonate hätte im Übrigen auch Liszt nicht wirkungsvoller dramatisieren können: endlos zelebrierend das Adagio, unfassbar in die Tasten greifend die Doppelfuge. Ja, man muss das live hören, ums glauben zu können. |
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