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Grigory Sokolov ist streng gegen sich und das PublikumDer wohl beste Live-Pianist spielt in der Philharmonie |
Ein langer Abend in der Berliner Philharmonie. Das Publikum lässt einfach nicht locker. Erklatscht sich Zugabe um Zugabe. Lauscht erschöpft und glücklich französischen Barockperlen. Grigory Sokolov, der wahrscheinlich beste Live-Pianist unserer Tage, zeigt sich spendabel. Er genießt den Jubel. Und trotzdem: Undurchdringlicher Dauerernst lastet auf seinem Gesicht. Die Philharmonie ist an diesem Abend brechend gefüllt. Die Podiumsplätze müssen um zusätzliche Stuhlreihen aufgestockt werden. In der Pause trauern einige Puristen den Zeiten hinterher, in denen der Pianist noch ein Geheimtipp war und Muxmäuschenstille im Saal herrschte. Denn heftiges Husten und Räuspern begleiten nun Grigory Sokolovs hohe Kunst. Der Meister selbst erträgt es erstaunlich ungerührt. Ein empfindlicher Pianist wie Krystian Zimerman hätte da schon längst böse Blicke geschleudert oder sogar seinen Vortrag abgebrochen. Zur Entschuldigung der Unruhestifter muss allerdings gesagt werden: Sokolov mutet seinem Publikum auch ziemlich viel zu. Er überfordert es regelrecht. Schnürt ihm die Kehle zu durch sein intensives, sog-artiges Schubert-Spiel in der ersten Konzerthälfte. Es ist ein gefährdeter, manischdepressiver Schubert, ein Schubert am Abgrund, den Sokolov aus den Tasten holt. Zärtlichster Liebreiz schlägt urplötzlich in brutale Tragik um, lässige Verträumtheit in wühlende Nervosität. Ungeheuerlich die dynamischen Schwankungen, die sich Sokolov erlaubt. Ungeheuerlich auch die wankelmütigen Tempi. Doch Sokolovs Überzeugungskraft triumphiert. Dramatischer lassen sich die vier Impromptus op. 90 wohl kaum interpretieren. Aus den anschließenden drei Klavierstücken D 946 schreien Verzweiflung und Todessehnsucht. Sokolov scheint hier bereits den unbequemen, rigorosen Spätstil Beethovens der zweiten Konzerthälfte vorwegzunehmen. Was dort dann geschieht, lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Beethovens kolossale Hammerklavier-Sonate op. 106, sein längstes,verrücktestes und insgesamt unzugänglichstes Klavierwerk - es stürmt und stürzt wie eine Naturgewalt auf die Zuhörer ein. Sokolov thront wie ein Fels in der Brandung. Trotz seiner 63 Jahre strahlt er vor virtuosem Vermögen. Die unmenschliche Tour de Force sieht man ihm hinterher nicht an. Eine Sensation, dass er noch ein halbes Dutzend hellwach leuchtende Zugaben folgen lässt. |