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Fürs Gemüt: Grigorij Sokolov in der Philharmonie |
Sechs Zugaben werden es am Ende, fünf davon klingen in der Interpretation Grigorij Sokolovs wie Studien über den Triller – den der Pianist zuvor schon in Beethovens Hammerklaviersonate von der Verzierung zur Hauptsache erhoben hatte. In den Zugaben demonstriert der Russe, wie die melodische Linie unter der Erschütterung der Oberfläche, den zahllosen Tonwiederholungen, unbeirrt weiterströmt. Man wüsste gerne, wie er das macht. Sokolov verfügt nicht einfach über eine überlegene Technik oder ein feineres Stilempfinden als andere, sondern über eine ganze zusätzliche Dimension: Hört man im letzten Satz der Hammerklaviersonate sonst die Unterhaltung verschiedener Stimmen, so entwirft er auch noch den Raum, in dem dieser Dialog stattfindet. Schon die leere Oktave, mit der Schuberts erstes Impromptu D 899 beginnt, markiert eine Landschaft, in der sich das schutzlos, weil unbegleitet einsetzende Thema wie eine Kinderstimme zu verlieren droht. Die in Beethovens 29. Sonate eigentlich mitkomponierten Grenzen des Spielbaren kommen bei diesem Künstler nicht einmal im Finale in den Blick. Man könnte das als Einwand formulieren – aber was wäre das für einer? Und hat man das etwa 20- minütige Adagio jemals so traumverloren und gleichzeitig inständig gehört wie hier? Diese Kunst ruht so sehr in sich, dass sie auf eine Bestätigung von außen nicht angewiesen ist. Ungerührt nimmt Sokolov die fassungslose Begeisterung des Publikums zur Kenntnis. |