Wiener Zeitung

 

Wiener Konzerthaus

Der Klangmagier der Tastenzunft

 

Von Rainer Elstner
06.12.2012

Grigorij Sokolov, Klavier
Werke von Rameau, Mozart und Beethoven
Wiener Konzerthaus


Pianistischer Tastenzauber mit Grigorij Sokolov im Konzerthaus.

 

Grigorij Sokolovs Konzerten haftet meist etwas Ereignishaftes an: Der Saal ist abgedunkelt, zugehört wird mit höchster Konzentration (wenn nicht gerade ein Handy klingelt), im Publikum sitzt viel Pianisten-Kollegenschaft und Sokolov spendet reichlich Zugaben.

So geschehen nun im Wiener Konzerthaus: Rameau, Mozart und Beethoven standen auf dem Programm und der russische Pianist zeigte höchste Anschlagskunst. Pure Klangmagie, wie Sokolov Stimmen voneinander registerhaft absetzte, für jedes Stück den rechten Ton fand – und für jede Phrase die passende fingertechnische Lösung. Bei jedem Satz klang der Flügel anders, für jede Phrase schien er seine Technik zu adaptieren, mal nah an den Tasten, dann weit zurückfedernd. Nicht als L'art pour l'art, sondern im Dienste einer klaren Vorstellung davon, was das formal Besondere am jeweiligen Werk ist.

Eine Schule der Phrasierung, Agogik und Trillerkunst war Rameaus Suite in D. Sokolov variierte die Verzierungen in Tempo, Farbe und Dichte, immer eingegossen in den musikalischen Zusammenhang. Jedes Stück der Suite war eine Welt für sich, Klangzauber in kondensierter Form.
Mozarts a-Moll-Sonate KV 300d interpretierte Sokolov unverzärtelt, mit klarem, linearem Zug und Drive. Barocke Strenge dominierte die Läufe des ersten Satzes, als dramaturgischer Höhe- und Wendepunkt fungierte der dissonante Mittelteil des zweiten Satzes. Zeigte Sokolov bei Mozart Verbindungslinien in die Vergangenheit auf, so machte er bei Beethovens "Hammerklaviersonate" deren avantgardistisches Potenzial spürbar. Mit der klaren Zeichnung zweier Sphären – hymnisch und zart –hub die Sonate an, der langsame Satz holte aus größter Düsternis behutsam etwas ungeheuer Wertvolles ans Licht, der letzte Teil brachte schließlich das Aufbrechen in gänzlich neue tonale Gefilde und das Errichten eines gewaltigen Fugen-Gebäudes.

Am Ende: dankbarer Jubel und sechs Zugaben. Darunter ein Chopin-Prélude (das vierte aus Op. 28), dessen absteigende Chromatik Sokolov in vielfältigster Weise ausleuchtete, ein inniges Brahms-Intermezzo (Op. 117/2), Skrjabin, Bach in einer Bearbeitung von Siloti sowie eine springlebendige "Egyptienne" von Rameau – da ließ der Pianist die Triller wie dressierte Schmetterlinge über die Tasten flatterten.